Zusammenarbeit mit dem Forschungskreis der Ernährungsindustrie (FEI)

Klimabedingte Fehlnoten bei Weißwein erlangen Forschungsstatus

Die globale Erwärmung stellt die Weinwirtschaft in Deutschland vor neue Herausforderungen, da sie zum Teil negative Auswirkungen auf das Traubenwachstum hat. Vor allem Weißweintrauben weisen geschmackliche Veränderungen aufgrund von Trockenstress und Sonnenbrand auf. Speziell beim Riesling macht sich mitunter eine klimabedingte „Petrolnote“ im Aroma bemerkbar.

Um für eine optimale Rebentwicklung kurative weinbauliche Maßnahmen zu ergreifen und sensorische Abweichungen zu vermeiden, gewinnt eine wissenschaftliche Untersuchung klimabedingter Aromafehler für die Weinerzeuger zunehmend an Bedeutung. Bislang wurden geschmacksveränderte Trauben oder deren Ursache nur ansatzweise auf molekularer Ebene erforscht. Umso wegweisender für die deutsche Weinwirtschaft ist das neue Forschungsprojekt „Klimabedingte Fehlnoten bei Weißwein“ des Forschungskreises der Ernährungsindustrie e.V. (FEI), das Anfang Oktober vom Wissenschaftlichen Beirat für förderwürdig befunden und angenommen wurde. Das Projekt untersucht erstmals wissenschaftlich negative Folgen des Klimawandels im Weinbau. 

Inhalt und Ziel des Forschungsprojekts

In einer Gemeinschaftsforschung wird das Projekt von den Professoren Ulrich Fischer, Andreas Kortekamp und Peter Winterhalter an den zuständigen Forschungsstellen, dem Institut für Weinbau und Oenologie und dem Institut Phytomedizin vom Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz sowie dem Institut für Lebensmittelchemie der TU Braunschweig durchgeführt.

Die Wissenschaftler wollen herausfinden, wie Weinerzeuger Sonnenbrandschäden eindämmen und die für die veränderten Aromen verantwortlichen Stoffe methodisch behandeln können. Dazu sollen sowohl die Weinbeere als auch der Wein analytisch untersucht werden. Während die klimabedingte „Petrolnote“ in erster Linie auf Riesling beschränkt ist, treten Sonnenbrandschäden bei weißen und roten Weintrauben seit den 1990-er Jahren verstärkt auf. Schädigt starke Hitze die Epidermis der Trauben so, dass es zum vorzeitigen Verwelken der Beeren kommt, müssen die Winzer regelmäßig mit erheblichen Ertragsverlusten und damit einhergehenden finanziellen Einbußen rechnen. „Die klimatische Entwicklung heizt auch das Spannungsfeld im Weinbau an.“, erklärt Lars Grebe von der Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien GmbH aus Eltville. „Wo die gute weinbauliche Praxis für die Traubengesundheit eine Entblätterung vorsieht, erhöht diese Maßnahme nun die Schäden, die durch starke Sonneneinstrahlung an der entblätterten Traube entstehen.“, so Grebe. Denn die übermäßig hohe Sonnenexposition wirkt sich auf den Geschmack aus. Das Forschungsvorhaben will diese klimabedingten Aromafehler sensorisch und stofflich identifizieren, damit Winzer und Kellermeister Fehlnoten direkt einer Ursache zuordnen können. Für die Weinbaupraxis prüft das Team der Wissenschaftler im Weinberg das Aufbringen von Präparaten, die als chemischer oder physikalischer Lichtschutz wirken. Schattierungsnetze und der Einsatz von Tonerden stellen einen vielversprechenden Lösungsansatz dar, um Sonnenbrandschäden bei Weintrauben zu minimieren, da sie von den Betrieben ohne größeren maschinellen Aufwand präventiv angewendet werden können.

 

Verändertes Klima als weinbauliche Herausforderung

Die zunehmend warmen und trockenen Vegetationsperioden beschleunigen die Rebentwicklung mit der Folge, dass die Trauben ihren Reifegrad im Schnitt einen Monat früher erreichen als noch vor dreißig Jahren. Extreme Hitze lässt vor allem internationale Rebsorten wie beispielsweise Merlot und Chardonnay in Deutschland gut gedeihen, bei einheimischen Sorten jedoch verschlechtern steigende Temperaturen die Anbaubedingungen. Besonders sensibel reagiert die Riesling-Traube, die mit einer Anbaufläche von knapp 24.000 Hektar die am meisten angepflanzte Rebsorte Deutschlands ist und dazu das Image des Weinbaus prägt.

Weltweit nimmt der Riesling mehr als ein Drittel des Weinanbaus ein, so dass die Aromaeinbuße aufgrund der Klimaerwärmung für den Wein- und Sektmarkt auch außerhalb Deutschlands eine entscheidende wirtschaftliche Bedeutung hat. Sonnenbrandschäden haben bei der diesjährigen Ernte in einigen deutschen Anbaugebieten zu Ertragseinbußen geführt.

Da die rund 17.000 Weinbaubetriebe in Deutschland überwiegend kleine und mittelständische Unternehmen darstellen sind deren Möglichkeiten für betriebsinterne wissenschaftliche Untersuchungen begrenzt. Gerade unspezifische geschmackliche Veränderungen bewirken, dass Weine im Handel qualitativ minderwertig erscheinen. Um im globalen Wettbewerb jedoch konkurrenzfähig zu bleiben, sind deutsche Weinbaubetriebe darauf angewiesen, sich über die Qualität ihrer Weine aus autochthonen Rebsorten zu behaupten. Eine wissenschaftliche Erforschung der negativen Folgen des Klimawandels stellt somit einen wettbewerbsrelevanten Beitrag für den deutschen Weinbau dar.

Für die Durchführung des Vorhabens sind Fördermittel in Höhe von etwa 700.000 Euro vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie beantragt. Dem gegenüber steht nach Angaben von Statista vom August 2019 ein Marktvolumen von 15,3 Milliarden Euro für das Segment Wein in Deutschland.

Der Leiter Schaumwein aus dem Competence Center Oenologie von Rotkäppchen-Mumm Lars Grebe erwartet vor allem eine Wahrung der Grundweinqualität durch das Forschungsprojekt, da der Riesling auch für die Versektung eine wichtige Rolle spielt: „Wir freuen uns besonders über die im Forschungsvorhaben angestrebte Entwicklung eines Schnelltests, mit dem wir noch vor der zweiten Vergärung klimabedingte Fehlnoten identifizieren können. Diese qualitätssichernde Maßnahme kann wirtschaftlichen Schäden schon im Herstellungsprozess vorbeugen.“

Das auf drei Jahre angelegte Forschungsprojekt soll im 1. Quartal 2020 beginnen. Gemeinsam mit dem Deutschen Weinbauverband e.V. (dwv) unterstützt der Verband Deutscher Sektkellereien e.V. (VDS) das neue Forschungsprojekt des Forschungskreises der Ernährungsindustrie e.V. (FEI) und setzt damit ein Zeichen für die vom Klimawandel betroffenen Weinbauregionen in Deutschland.

„Der Klimawandel stellt uns als Gesellschaft vor eine immense Herausforderung. Die konkreten Auswirkungen der globalen Erwärmung sind mannigfaltig und machen auch vor dem Weinbau nicht halt. In Verantwortung vor den nächsten Generationen ist es uns als Branche wichtig, adäquate Antworten auf die spürbar veränderten klimatischen Bedingungen zu finden.“, erläutert VDS-Geschäftsführer Dr. Alexander Tacer das Engagement des Verbandes.

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